Wer bekommt das Elternhaus

Flothows Geschichten vom Erben: Wer bekommt das Elternhaus?

Das Elternhaus und die Frage, wer es erhält, ist ein Klassiker.

Anna (geboren 1980) und Michael (geboren 1982) sitzen mit ihren Eltern, Helga (geboren 1955) und Hans (geboren 1948), zusammen und diskutieren. Die Eltern sind geschieden, die Mutter wohnt allein im Haus.

Anna, selbst Mutter einer kleinen Tochter namens Mia, erklärt ihren Eltern, dass sie gerne ins Elternhaus einziehen möchte. Sie erzählt von den schönen Kindheitserinnerungen und sagt, sie wolle genau das Gleiche für ihre Tochter. Vor lauter Begeisterung gerät sie ins Schwärmen – und übersieht dabei, dass sie ihre Mutter völlig aus dem Blick verliert.

Ein Immobilienmakler würde das Haus so beschreiben:

„Reiheneckhaus von 1980 in ruhiger Lage Köln-Rodenkirchens. Ca. 130 m² Wohnfläche, 4 Zimmer, Küche, Bad, dazu ein Grundstück von rund 450 m² mit Garten. Gepflegt, mit guter Verkehrsanbindung und Einkaufsmöglichkeiten – ideal für Familien.“

Helga denkt sich: „Ich habe ja hin und wieder gesagt, dass mir alles zu viel wird, aber damit meinte ich doch nicht, dass ich hier ausziehen möchte!“ Annas Gedankenspiel, ins Elternhaus einzuziehen, fühlt sich für Helga an, als würde ihre Tochter sie vor die Tür setzen.

Der Vater Hans unterstützt Anna bei ihrer Idee: „Ich habe jetzt im Ruhestand mehr Zeit, und als gelernter Handwerker kann ich dir beim Umbau helfen.“

Plötzlich rastet Michael aus: „Es geht immer nur um dein Lieblingskind Anna. Fragt irgendwann auch mal jemand nach mir?“

Helga kommentiert knapp: „Ich lebe übrigens noch.“

Anna verlässt weinend das Gespräch und beteuert, dass das nie ihre Absicht gewesen sei.

Keinem der vier war bewusst, was dieses Gespräch auslösen würde.

Trotzdem setzen sie sich noch einmal zusammen.

Anna entschuldigt sich bei ihrer Mutter und bittet um Verständnis: „Ich wünsche mir einfach das Gleiche für Mia, was ich hatte.“

Helga fragt: „Soll ich dann ins Heim?“

Anna schreit auf: „Das habe ich nie gesagt!“

Michael hakt ein: „Und wie willst du mich auszahlen?“

Hans: „Wir leben doch noch. Im Moment muss hier niemand irgendwen auszahlen.“

Michael, leise: „Ich bräuchte aber ein bisschen Geld für eine Eigentumswohnung.“

Hans: „Wir haben uns das alles selbst erarbeitet. Wir sind nicht ständig essen gegangen oder in den Urlaub gefahren.“

Helga nickt zustimmend.

Anna und Michael stehen auf: „Ihr seid ja so toll“, sagen sie sarkastisch, und gehen.

Es folgt monatelange Funkstille.

Ein neuer Anlauf

Helga bittet ihren Ex-Mann Hans um ein Treffen.

Sie gesteht: „Ich leide sehr unter der Situation. Nicht einmal zu meinem Geburtstag haben sich die Kinder gemeldet. Aber ich will und werde mich nicht erpressen lassen.“

Hans stimmt ihr zu.

Punkt eins, den beide klären wollen: Wann sollen die Kinder überhaupt erben?

Sie überlegen: „Mit warmen Händen geben“ – das wäre denkbar. Auch wenn ihre eigenen Eltern nie über Geld oder Erbe gesprochen haben.

Hans: „Unsere Eltern haben den Krieg erlebt. Mit ihnen konnte man nicht auf Augenhöhe sprechen. Es galt: Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, gelten meine Regeln.“

Helga: „Aber wir sind doch andere Wege gegangen. Obwohl wir geschieden sind, gehört das Haus uns beiden, auch wenn ich allein dort wohne.“

Sie fügt hinzu: „Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll. Ich habe Angst.“

„Unsere Kinder sind doch keine schlechten Menschen“, meint Hans. „Wir müssen einen Weg finden.“

Ein Gespräch mit den Kindern​

Die Familie trifft sich außerhalb des Elternhauses.

Helga begrüßt alle mit den Worten: „Wir müssen reden.“

Hans erklärt: „Wir wissen nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Das Haus, für das wir ein Leben lang gespart haben, steht nun zwischen uns. Deshalb schlagen wir vor, uns helfen zu lassen.

Versprechen können wir euch nichts – aber wir möchten alles tun, um den Familienfrieden wiederherzustellen.

Anna und Michael: „Zwei Dinge wären uns wichtig. Erstens: Können wir darüber sprechen, ob ein Erbe auch schon zu Lebzeiten denkbar ist? Und zweitens: Können wir bitte endlich auf Augenhöhe reden und nicht nach dem alten Muster ‚Solange du unter meinem Dach wohnst…‘?“

Helga und Hans unabhängig voneinander: „Ja, es ist denkbar, dass wir euch auch zu unseren Lebzeiten schon etwas vererben; versprechen können wir das aber nicht.“

„Es ist unser Haus, aber das alte Eltern-Motto ist nicht unseres.“

Helga fragt: „Wer könnte uns helfen?“

Anna: „Jemand, dem wir vertrauen können und der neutral ist.“

Hans schlägt einen Freund vor.

Helga entsetzt: „Nein! Niemand aus dem Umfeld! Keiner soll wissen, dass wir solche Diskussionen führen.“ Sie ergänzt: „Am besten jemand mit Schweigepflicht.“

Nach einigem Überlegen kommt Anna auf Pfarrer Thomas Schäfer, der ursprünglich BWL studiert hat.

Alle sind einverstanden.​

Gespräch mit Pfarrer Schäfer

​Die Familie schildert ihm die Situation.

Pfarrer Schäfer erklärt: „Solche Themen begleiten mich regelmäßig. Fast jede Familie hat mit diesen Fragen zu tun. Leider wird darüber gesellschaftlich kaum gesprochen – das führt zu völlig unrealistischen Erwartungen. Und diese Erwartungen entscheiden oft über Glück oder Enttäuschung.“

Er fragt Helga: „Wie alt glaubst du, wirst du?“

Helga: „Vielleicht 85, vielleicht 100 – ich weiß es nicht.“

Hans: „Ich hoffe, noch ein paar Jahre.“

Pfarrer Schäfer erklärt: „Das ist unsere erste Unbekannte. Wollen wir heute Lösungen finden, dann müssen wir bedenken, dass die Lebensdauer ungewiss ist. Finanziell macht es einen Unterschied, ob jemand morgen stirbt oder noch 20 Jahre lebt – vielleicht sogar im Pflegeheim.“

Anna und Michael sind betroffen. Der Gedanke an den Tod der Eltern ist schmerzhaft.

Nach einer Weile umarmen sie sich und dann auch ihre Eltern.

Anna sagt: „Ich habe mich gerade zum ersten Mal auf Augenhöhe mit euch gefühlt.“

Michael stimmt zu.

Pfarrer Schäfer: „Der Prozess, über Erbe zu sprechen, bringt Familien oft näher zusammen.“

​Die finanzielle Realität

Pfarrer Schäfer fragt: „Darf ich eine Modellrechnung machen?“

Anna zögert: „Ja… oder lieber doch nicht.“

Er rechnet: „Wenn monatlich 1.500 € Eigenanteil für Pflegekosten hinzukommen und Helga bis 100 lebt, ergibt das: 1.500 € × 12 Monate × 30 Jahre = 540.000 €.

Anna und Michael erschrecken: „War das unser Erbe?“

„Müssen wir euch später unterstützen?“ – „Wenn es sein muss, machen wir das“, sagen beide.

Helga und Hans: „Das wollen wir nicht. Wir haben gute Renten und Rücklagen.“

Pfarrer Schäfer betont: „Die Lebenserwartung und ungewisse Pflegekosten machen die Erbplanung heute viel komplexer.“

Die Immobilie im Detail

Pfarrer Schäfer fragt: „Sollen eure Kinder das Haus behalten?“

Helga und Hans: „Natürlich – das war immer unser Wunsch.“

Er beleuchtet die Fakten:

Baujahr 1980 → Sanierungsbedarf, insbesondere energetisch

130 m² auf zwei Ebenen → nicht altersgerecht

Grundstück: 450 m² / Grundstückswert (geschätzt 1.700 €/m²): 765.000 €

Sanierungskosten: ca. 100.000 €

Innenumbau nach Annas Wünschen: ca. 50.000 €

Anna müsste allein für den Grundstücksanteil ihres Bruders ca. 382.000 € aufbringen.

Bei 50.000 € Eigenkapital bliebe eine monatliche Belastung von etwa 1.700 € netto – ohne Nebenkosten.

Anna sagt: „Das kann ich nur mit meinem Partner stemmen – und das macht mich abhängig.“

Fazit und Ausblick

Pfarrer Schäfer:

„Hohe Lebenserwartung, hohe Grundstückspreise, hohe Sanierungskosten – das führt zu Zielkonflikten, die oft nicht lösbar sind.“

Anna weint: „Was haben wir falsch gemacht? Wir haben immer gearbeitet – und können uns das Elternhaus im Erbfall kaum leisten.“

Pfarrer Schäfer:

„Ihr habt nichts falsch gemacht – es ist eine gesellschaftliche Realität.

Lösungsansätze könnten sein:

Die Kinder kaufen sich jeweils eine Eigentumswohnung, wobei das Haus als zusätzliche Sicherheit dienen könnte.

Oder ihr verkauft das Haus und teilt euch den Erlös auf (z. B. 4 × 200.000 €).

Helga: „Ja, ich könnte dann nicht mehr im Haus wohnen und müsste Miete zahlen – aber wir hätten Frieden, und Ihr Kinder könntet Euch etwas aufbauen.“

Anna: „Es wäre hart, unser Elternhaus zu verlieren – aber wir wären dankbar für die Perspektive.“

Hans zu Helga: „Lass es uns so machen.“

Diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten – Namen und Orte wurden zum Schutz der Beteiligten geändert.

Wenn Sie wissen möchten, wie sich familiäre Konflikte frühzeitig vermeiden und bestehende Probleme klug lösen lassen, dann ist dieses Buch eine wertvolle Hilfe.

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